Legasthenie bei Kindern – Expertinneninterview

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Im Gespräch mit Bettina Kinn

Bettina Kinn leitet das Forum Legasthenie und Dyskalkulie in München. Seit über 30 Jahren bereits arbeitet sie als Therapeutin für diese Lernstörungen und bildet zudem Therapeut*innen aus. Anlässlich des bundesweiten Aktiontages der Legasthenie und Dyskalkulie am 30. September sprechen wir mit ihr über die Legasthenie, also die Lese-Rechtschreibschwäche (LRS). Von einer „Schwäche“ oder „Störung“ spricht Bettina Kinn jedoch ungern, sie bezeichnet die Legasthenie vielmehr als „Variante einer Begabung“.

Oft haben die Kinder eine hohe Lese- und Schreibabneigung oder legen Vermeidungsstrategien an den Tag.

Frau Kinn, wie können Eltern oder auch Lehrkräfte eigentlich feststellen, dass ein Kind an Legasthenie leidet? In welchem Alter treten die ersten Hinweise auf?

Dass ein Kind an Legasthenie leidet, kann man in der Regel erst feststellen, wenn es in die Schule geht und sich mit Schriftsprache beschäftigt. Es zeigt sich dann beispielsweise, dass das Kind Buchstaben verdreht oder Probleme damit hat, Buchstaben zusammenzuschleifen. Es treten aber nicht nur Fehler auf, die landläufig der Legasthenie zugeordnet werden, sondern ebenso Fehler, die auch Kinder ohne entsprechende Diagnose machen. Auffällig ist aber, dass legasthene Kinder viel häufiger und immer wieder Fehler machen. Oft haben diese Kinder auch eine hohe Lese- und Schreibabneigung oder legen Vermeidungsstrategien an den Tag. Nicht selten sagen sie, dass sie keine Lust zum Lesen oder Schreiben hätten. Tatsächlich aber fällt ihnen das Lesen und Schreiben sehr schwer. Sie sagen „Ich habe keine Lust“, weil ihnen dies akzeptierter zu sein scheint, als zu sagen „Ich kann es nicht“.

Kann es auch passieren, dass eine Legasthenie erst später, also nach dem ersten Schuljahr, auffällt?

Ja, oftmals erzählen Eltern, dass der Lehrerin oder dem Lehrer die Legasthenie des Kindes im ersten Schuljahr noch nicht aufgefallen sei. Das kann daran liegen, dass das Kind seine Lese-Rechtschreibschwäche zunächst noch zu kompensieren weiß, indem es auswendig lernt. Üben die Eltern mit dem Kind zu Hause beispielsweise kleine Sätzchen oder Texte, lernt das Kind diese auswendig. Das heißt, die Lehrerin oder der Lehrer konnte die Legasthenie aufgrund der Kompensationsmechanismen des Kindes nicht erkennen. Man sollte deshalb darauf achten, wie das Kind mit noch unbekannten Wörtern, Sätzen oder Texten zurechtkommt. Außerdem hilft ein Blick auf die anderen Schulfächer, Mathematik zum Beispiel. Ist das Kind hier mit Freude bei der Sache und zeigt Vermeidungsstrategien nur beim Lesen und Schreiben, könnte das ein Hinweis auf Legasthenie sein.

Wenn Eltern den Verdacht haben, dass ihr Kind an einer Lese-Rechtschreibschwäche leidet, an wen können sie sich wenden?

Im ersten Schritt sollten die Eltern das Gespräch mit der Lehrkraft des Kindes suchen. In aller Regel gibt es in der Schule außerdem eine Schulpsychologin oder einen Schulpsychologen, die oder der die Diagnostik für eine Legasthenie durchführen kann. Die enge Abstimmung zwischen Eltern, Lehrkräften und Schule ist wichtig. Auch Kinder- und Jugendpsychater*innen können helfen. Hier muss man sich aber oft auf Wartezeiten von drei bis sechs Monaten einstellen.

Das Kind bekommt einen Punkt fürs Lesen, die Mutter bekommt einen Punkt, wenn sie das Kind nicht unterbricht.

Worauf müssen Eltern achten, um eine gute Therapeutin oder einen guten Therapeuten für ihr Kind zu finden?

Mundpropaganda kann hier helfen. Also, dass die Eltern bei anderen Eltern oder Lehrkräften nachfragen: Mit wem habt ihr gute Erfahrungen gemacht, wen würdet ihr empfehlen? Sie sollten sich die Homepage der Therapeutin oder des Therapeuten anschauen, ein Vorgespräch führen und viele Fragen stellen, etwa: Wie viel Erfahrung haben Sie bereits in der Arbeit mit legasthenen Kindern sammeln können? Wo haben Sie Ihre Ausbildung gemacht und wie lange hat sie gedauert? Findet die Therapie in Einzelsitzungen statt? Welche Materialien setzen Sie ein? So bekommt man schon ein ganz gutes Bild. Für mich ist auch die Elternschulung ein wichtiges Kriterium. Die Eltern müssen wissen, worauf es beim Üben mit dem Kind zu achten gilt und wie sie bestimmte Reaktionen ihres Kindes interpretieren können.

Stichwort Elternarbeit. Was sollten Eltern beim gemeinsamen Üben mit ihrem Kind beherzigen?

Wenn die Eltern mit dem Kind bei mir sind, nehme ich zunächst die Rolle der Mediatorin zwischen Eltern und Kind ein. Ich stecke dann ab, ob das Kind überhaupt bereit ist, mit den Eltern zu üben. Es gibt Kinder, die das nicht mehr möchten. Manche erzählen, dass die Eltern sie ständig verbessern oder immer „Stopp“ sagen würden, wenn sie Fehler machen. Und deshalb hätten sie keinen Spaß am gemeinsamen Üben. In solchen Fällen schaue ich, wo der kleinste gemeinsame Nenner ist und frage das Kind zum Beispiel: „Wärst du bereit, mit der Mama am Tag fünf Minuten in einem Buch zu lesen, wenn sie dich nicht dauernd unterbricht und verbessert?“. Wenn das Kind zustimmt, schlage ich ein Belohnungssystem für beide vor. Das Kind bekommt einen Punkt fürs Lesen, die Mutter bekommt einen Punkt, wenn sie das Kind nicht unterbricht. Wenn beide zehn Punkte haben, können sie sich belohnen, zum Beispiel mit dem Lieblingsessen oder einem Schwimmbadbesuch. Ziel ist, dass Eltern und Kinder das Gefühl haben, ein Team zu sein.

Wie kann man sich die Legasthenie-Therapie vorstellen? Kann man die Therapie mit Nachhilfeunterricht im herkömmlichen Sinn vergleichen?

Nein, legasthene Kinder benötigen eine spezielle Unterstützung. Wir üben sehr strukturiert mit den Kindern. Das heißt, wir verbleiben so lange bei einem Thema, bis dieses auch wirklich beherrscht wird. Und wir springen nicht zwischen verschiedenen Themen hin und her. Außerdem üben und erklären wir Regeln nicht nur, wir bieten den Kindern zusätzlich Wahrnehmungsübungen an. Viele Kinder hören zum Beispiel gar nicht, dass das „O“ bei Ofen lang und bei „offen“ kurz ist. Entsprechend können sie auch mit der dargebotenen Regel „Nach einem kurz gesprochenen Selbstlaut folgen zwei Konsonanten“ nichts anfangen. Wir üben dann vor dem Spiegel, damit die Kinder sehen: Bei „Ofen“ ist der Mund rund und bei „offen“ ist er nur ein Strich. Diese zusätzliche Information hilft den Kindern dabei, die Vokallänge zu differenzieren. Auch bei den kurz klingenden Stoppkonsonanten „p“ und „b“, „t“ und „d“ oder „g“ und k“ können sich die Kinder zusätzlich behelfen, indem sie zum Beispiel in die Hand sprechen. Bei dem Wort „Puppe“ spüren sie einen Lufthauch, bei „Ball“ nicht.

Uns ist es wichtig, den Kindern Erfolgserlebnisse zu verschaffen und ihr Selbstvertrauen zu stärken.

Das hört sich spannend an. Wie vermeiden Sie Frustrationserlebnisse beim Lernen, die legasthene Kinder aus der Schule vermutlich zur Genüge kennen?

Uns ist es wichtig, den Kindern Erfolgserlebnisse zu verschaffen und ihr Selbstvertrauen zu stärken. Die Themenschwerpunkte, die wir vermitteln, sollen die Kinder auch beherrschen, damit sie sehen: Ich kann es auch! Nach jeder Therapiestunde zum Beispiel zeigen die Kinder den Eltern, was sie gelernt haben. Und darauf dürfen sie stolz sein. Als Therapeutin unterstütze ich die Kinder auch, indem ich nicht sage „Hier hast du etwas falsch geschrieben“, sondern „Hier hast du etwas richtig geschrieben“ oder „Super, hier hast du an die Großschreibung gedacht, weil es ein Namenwort ist“. Auf diese Weise lernen die Kinder ja auch. Und ich kringele nicht ihre Fehler rot ein, sondern das, was sie richtig geschrieben haben. Das ist eine Art „Reframing“. Sonst bedeutet die Farbe rot immer „schlecht“, bei mir wird sie positiv besetzt. Deswegen kommen die Kinder gerne zur Therapie. Und alles, was sie gerne machen, lernen sie auch besser.

Welche Erfolge stellen sich mit der Therapie ein? Kann man überhaupt davon sprechen, dass eine Legasthenie-Therapie beendet ist?

Ja, im Durchschnitt kommen die Kinder anderthalb bis zwei Jahre zu uns. In dieser Zeit können wir ihre Lese- und Rechtschreibkompetenz auf ein „unauffälliges“ Niveau bringen. Das heißt, das Lesen und Schreiben ist mit Therapieende so im Gehirn verankert, dass die Kinder nicht mehr über kurze oder lange Vokale, Namen- oder Tuwörter nachdenken müssen. Ich bin jetzt seit über 30 Jahren Therapeutin und konnte unzähligen Kindern mit Legasthenie zu einer guten Schul- und später Berufslaufbahn verhelfen. Auch meine eigene Tochter war von Legasthenie betroffen, heute ist sie eine erfolgreiche Ingenieurin. Meine Erfahrungen sind also sehr, sehr positiv.

Die Diagnose „Lern-Rechtschreibschwäche“ bedeutet also nicht, dass Kinder sich in ihren Zielen und Träumen einschränken müssen?

Wenn die Kinder gut durch die Schulzeit begleitet werden, schränkt die Legasthenie sie in ihren Berufswünschen nicht ein. Ich bezeichne die Legasthenie auch ungern als „Störung“ oder „Schwäche“, sondern als „Variante einer Begabung“. Viele legasthene Kinder haben große Talente. Sie sind mathematisch, naturwissenschaftlich oder künstlerisch oft sehr begabt. Ich finde es deshalb wichtig, nicht immer nur auf die Rechtschreibfehler zu schauen, sondern auf die vielen Begabungen der Kinder.

Das Interview führte Melanie Dries, Leiterin für Kommunikation und Fundraising bei der Chancenstiftung.

Infobox

Weitere Informationen zum Thema finden Sie beim Bundesverband Legasthenie & Dyskalkulie e.V. oder auf der Website unseres Kooperationspartners, dem Forum Legasthenie und Dyskalkulie. Außerdem spannend: unser Blogbeitrag zur Legasthenie.

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Weitere Informationen zum Thema finden Sie beim Bundesverband Legasthenie & Dyskalkulie e.V. oder auf der Website unseres Kooperationspartners, dem Forum Legasthenie und Dyskalkulie. Außerdem spannend: unser Blogbeitrag zur Legasthenie.

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